Seit 2007 praktiziere ich regelmäßig Yoga bei Yoga Vidya und unterrichte seit 2013. Natürlich habe ich auch anderes Yoga ausprobiert, auch über längere Zeit. Yoga ist Trends unterworfen, bestimmte Yogastile sind zu bestimmten Zeiten interessant. 2009/10 habe ich (zusätzlich) Kundalini Yoga nach Yogi Bhajan praktiziert, später Vinyasa Flow, neuerdings ab und zu Yin Yoga. Doch ich komme immer wieder auf Hatha Yoga bei Yoga Vidya zurück. Hier möchte ich mal erläutern, warum ich diesen Yoga Stil so schätze, auch nach 15 Jahren.

Ganzheitliches Hatha Yoga nach Yoga Vidya wirkt auf vielen Ebenen gleichzeitig. Das ist am Anfang vielleicht nicht so leicht zu verstehen, deswegen möchte ich hier ein paar Ebenen beleuchten.

Wechsel von Anspannung und Entspannung

Der Mensch hat ein sympathisches und ein parasympathisches Nervensystem. Das sympathische ist für die Aktivität zuständig, und das ist oft im Alltag übermäßig im Vordergrund. Das parasympathische Nervensystem ist für die Entspannung, Verdauung und Regeneration zuständig. Beides ist also wichtig. Bei einer übermäßigen Neigung zu Aktivität ist manchmal sogar der Wechsel zum parasympathischen Nervensystem nicht mehr möglich, dann sind Pausen nicht mehr erholsam und schließlich kann es zum Burnout kommen. Im Hatha Yoga nach Yoga Vidya wird in jeder Yogastunde der Wechsel zwischen den Nervensystemen eingeübt. Funktioniert der Wechsel gut, sind auch die kleinen Pausen zwischen den Asanas erholsam. Das überträgt sich dann auch auf den Alltag.

Und du hast sicherlich schon den Aufbau der Stunde kennengelernt. Anfangsentspannung, Pranayama, Sonnengruß, Asanas, und Endentspannung. Nach dem Ankommen in der Anfangsentspannung kommen zunächst die aktivierenden Asanas, am Ende die ruhigeren, ausgleichenden. Durch die kleinen Pausen zwischen den Asanas, und dem längeren Halten in den Asanas, reguliert sich dein Nervensystem optimal, dass du nach längerem, regelmäßigen Praktizieren (ab ca. einem halben Jahr einmal pro Woche) feststellen wirst, dass sich dieses Einüben von Anspannung und Entspannung auch auf deinen Alltag auswirkt.

Gut für den Rücken

Einer der Gründe, warum ich mit Yoga angefangen habe, waren wiederkehrende Rückenbeschwerden. Hatha Yoga nach Yoga Vidya hat aus verschiedenen Gründen den Rücken im Fokus. Die Beweglichkeit und der Muskelaufbau ist eigentlich nur ein Nebeneffekt. Aber genau das bewirkt die regelmäßige Praxis. Die Rückenmuskulatur wird nachhaltig und sanft gestärkt, Die Kobra ist mein Liebling, nicht zu anstrengend und stärkt super. In vielen anderen Asanas ist die Stärkung des Rückens dabei und natürlich auch der Bauchmuskulatur auf der anderen Seite.
Und dazu kommen die berühmten Vorbeugen und Rückbeugen und Drehbewegungen der Wirbelsäule. Auf der einen Seite geht es wirklich um Beweglichkeit und auch um Ausrichtung und Stärkung der Wirbelsäule, aber mit diesen Bewegungen der Wirbelsäule werden auch die Chakren, die Energiezentren auf der Wirbelsäule aktiviert. So hast du nach der Yogastunde mehr Energie. Oder es kribbelt in der Wirbelsäule oder sogar im ganzen Körper nach der Yogastunde. Dann weißt du, dass es Chakren gibt.

Tiefer Atmen

Bei Yoga Vidya wird viel Wert auf das Pranayama, die Atemübungen gelegt. Das ist der Grundstein für eine tiefere und ausgeglichene Atmung während der Asanas und dann auch im Alltag. Die Wechselatmung allein übt schon mehrere Dinge. Du atmest tiefer ein und aus. Du atmest  länger aus, als du einatmest. Das aktiviert das parasympathische Nervensystem. Du hältst die Luft an. Das beruhigt den Geist und die Gedanken. Du sitzt aufrecht und (idealerweise entspannt). Das ist gut für den Rücken. Du übst die Nasenatmung, die die Atemluft reinigt, erwärmt und befeuchtet. Insgesamt beugst du Erkältungen vor und gleichst dein Nervensystem aus, indem du durch beide Nasenlöcher atmest. Die Gedanken werden ruhiger.
Vorher kannst du dich noch aktivieren und aufladen durch Kapalabhati. Das regt das innere Feuer an, das Verdauungsfeuer und das Lebensfeuer. Durch die Anhaltephasen speicherst du das Mehr an Energie gleich in dir, so dass du die Energie mit in den Alltag nehmen kannst.

Halten und Konzentration

Wenn du länger Hatha Yoga nach Yoga Vidya praktiziert, wirst du merken, dass ein Fokus auf das längere Halten gelegt wird. Anfangs nur ein paar Atemzüge, später wird das Halten länger. Mein Maximum war jede Asana 10 Minuten halten. Dann könnte man schon wieder in Ehrgeiz kommen, der soll aber draußen bleiben ;-). Deswegen ist das Yoga bei Yoga Vidya systematisch aufgebaut. Es fängt an mit kurzem Halten, damit der Körper sich an die Übungen gewöhnt, bis die Asanas mühelos gehalten werden können. Ab 1 Minute Halten beginnen zusätzlich die geistigen oder psychologischen Wirkungen. Die Vorwärtsbeuge übt Geduld, die Kobra das Streben nach Höherem, die Berghaltung Aufrichtigkeit und Selbstbewusstsein. Ab 3 Minuten Halten beginnen die energetischen Wirkungen. Energie beginnt zu fließen, Prana wird aktiviert und deine Ausstrahlung wächst.
Beim längeren Halten merkst du deine Gedanken. Indem du immer wieder die Aufmerksamkeit auf deinen Körper und die Haltung richten musst, übst du Konzentration. Und die Konzentration darf entspannt sein. Hier beginnt ein Paradox, das dich tiefer in die Ausgeglichenheit führt. Wenn du in der Anspannung und Konzentration gleichzeitig geistig und körperlich entspannt bleiben kannst, hast du etwas sehr wichtiges gemeistert. Du kannst in deinem Leben im Flow sein und dabei in deiner Kraft bleiben.

Bei sich ankommen

Wie liebe ich die Anfangsentspannung im Liegen! In der Yogastunde ankommen, sich auf die Matte zu legen und die Augen zu schließen. Ein wunderbarer Übergang vom Alltag zu sich selbst. Das mag am Anfang etwas schwerer sein, weil ja schon der Alltag erstmal in die Yogastunde mitkommt, aber durch die Anleitung des Yogalehrers wird Körper und Geist in Savasana ruhiger und positiver. Und die Wahrnehmung verschiebt sich vom außen auf dich selbst. Dort soll die Aufmerksamkeit die ganze Yogastunde bleiben. Deswegen gibt es so viele Details zu beachten. Diese werden immer mehr, je länger du praktizierst, weil deine Konzentration immer besser wird. Was du auf einmal alles wahrnehmen kannst! Erst ist die Aufmerksamkeit nur auf den Zehen, dann kannst du vielleicht deine ganze Haltung von Kopf bis Fuß wahrnehmen, und gleichzeitig noch deine Atmung und die Gedanken. Warum ist das wichtig? Hm, du wirst es merken, wenn hinter all dieser Wahrnehmung ganz leise und subtil die Zufriedenheit zunimmt. Die Zufriedenheit jenseits von Tun und Machen, nur aus deinem Sein heraus. Denn diese ist in der Stille und Konzentration zu finden.

Die Endentspannung

Die Endentspannung wird immer wieder als das Wichtigste in der Yogastunde bezeichnet. Warum entspannen wir dann nicht die ganze Yogastunde in Savasana? Nun, die Yogastunde bereitet darauf vor. Körper und Geist sollen sich entspannen. Des wegen braucht der Körper die Übungen, der Geist Beruhigung und Konzentration und das Prana, die Lebensenergie Ausgleich. Erst dann wirkt die Endentspannung als Tiefenentspannung. Auch hier gibt es eine Systematik. Anfangs entspannt und erholt sich vor allem der Körper. Dann darf man auch einschlafen, so kann sich der Körper am besten regenerieren. Wenn der Körper eine gewisse Grundenergie aufgebaut hat, kann der Geist wach bleiben und in den Zwischenzustand der Tiefenentspannung rutschen. Körper und Geist regenerieren sich. Und die ganz Fortgeschrittenen landen in einem Zustand des Schlafens bei vollem Bewusstsein, dem yogischen Schlaf, Yoga Nidra.

Om und Mantra

Ok, ich bin vorsichtig und nehme das Thema am Ende des Artikels. Wenn du soweit gelesen hast, bist du vielleicht auch bereit für Om und Mantra :-). Spaß beiseite, für mich, wie für andere Yogalehrer auch, kostet es etwas Überwindung, das Om und wenigstens ein Mantra in Anfängerstunden anzuleiten. Was könnten die Teilnehmer denken? – aber wenn ich dagegen sehe, was die Teilnehmer fühlen, wenn sie sich darauf einlassen, gehört es einfach zu einer ganzheitlichen Yogastunde dazu. Bei allem horchen nach innen kannst du beim Om und Mantra auch mal den Mund aufmachen und etwas rauslassen. Und das sollte nach Yogaphilosophie positiv sein. Übe ethische Grundregeln und innere Reinheit, so wird auch dein Ausdruck positiv und rein sein. Und mit Om und Mantra können wir das einüben. Singen allgemein bringt Positivität, das Mantra noch zusätzlich eine hohe Schwingung, die du mit nach Hause nehmen kannst. Sogar die Wissenschaft hat herausgefunden, dass Yogastunden mit Om noch wirksamer zur Regulierung des Nervensystems sind.

Keine Musik – nur dein reiner Geist

Noch so ein heikles Thema. Ich konnte nie nachvollziehen, warum Menschen bei Joggen Musik hören wollen. Als seien ihre Gedanken und ihre Umwelt so schrecklich, dass sie sie mit Musik übertönen wollen. Das ist in der Yogastunde bei Anfänger auch tatsächlich manchmal eine Herausforderung, mit seinen eigenen Gedanken konfrontiert zu sein. Die gute Nachricht ist, dass es sehr schnell besser wird mit den Gedanken durch Yoga. Wie oft habe ich erlebt, mit was für chaotischen oder manchmal auch negativen Gedanken ich in die Yogastunde gekommen bin. Am Ende der Yogastunde war wieder alles gut.
Man könnte ja auch argumentieren, dass die Musik den positiven Geist des Yoga unterstützt (oder die Freude am Joggen) oder die Schwingung im Yogaraum erhöht. Ja, das mag manchmal sein. Aber wie geht es dir, jetzt? Ohne Filter. Ohne die Anderen. Wer bist du? Wo ist deine Positivität? Wo ist dein Strahlen? Einfach aus dir selbst. Es ist da – auch ohne Musik von außen.

Zeitlos – eine Geschichte zum Schluss

Um 2018 herum kam eine junge Teilnehmerin in einen Yogakurs bei mir. Sie war in der Ukraine aufgewachsen. Am Anfang des Kurses fragte ich sie, wie sie zum Yoga gekommen ist. Sie sagte, sie sei über ihre Oma zum Yoga gekommen. Ihre Oma habe den Kopfstand gemacht und das hatte sie beeindruckt. Da war ich etwas erstaunt und fragte sie, wie den ihre Oma zum Yoga gekommen sei. Und die junge Frau antwortete, dass ihre Oma Yoga in Ost-Berlin gelernt hat. Sie sei nach 1945 mit ihrem Mann, der als Offizier diente, nach Berlin gekommen und habe dort Yoga gelernt. So weiß ich nun, wie lange der Kopfstand schon im Yoga in Deutschland bekannt ist 🙂

 

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